900'000 Fernsehzuschauer in der Schweiz [es waren wohl mehr], hunderte Millionen [es waren wohl auch mehr] Menschen weltweit verfolgten am 20. Juli 1969 die erste Mondlandung. Die Zeit der Apollo-Mondflüge zwischen 1968 und 1972 war ein Goldenes Fernseh-Zeitalter.
von Bruno Stanek
Als Goldene Fernsehzeit bezeichnet man in den USA jene Ära, in der das Fernsehen noch neu war, es nur wenige Kanäle gab und erfolgreiche Sendungen zu Strassenfegern wurden. In der Schweiz war die Zeit der Apollo-Mondflüge Nr. 7 bis 17 solch ein Goldenes Fernseh-Zeitalter. Hinzu kam als Jahrtausendereignis die Landung, durch die Landung auf einem anderen Himmelskörper. Bei uns fiel diese Epoche mit der soeben erfolgten Einführung des Farbfernsehens und mit einer Hochkonjunktur zusammen. Diese Faktoren führten dazu, dass die damals fernsehende Generation die Zeit der Mondlandungen nie mehr vergessen wird. So hinterliess dieses Fernsehereignis bei uns einen noch tieferen Eindruck als in den USA selber, wo das Goldene Fernseh-Zeitalter mindestens ein Jahrzehnt früher stattfand. Dort hatten die Vorbereitungsflüge der Programme Mercury und Gemini zudem gezeigt, dass viele Zuschauer der Werbung nicht unbedingt nützen, da sie bei weltbewegenden TV-Ereignissen partout keine Unterbrechungen dulden.
Es war für das Fernsehen DRS ideal, dass mit Fernsehdirektor Guido Frei und Abteilungsleiter Eduard Stäuble damals Leute entscheiden konnten, welche die historische Bedeutung des Geschehens im All sehr wohl erfassten. Die Vorbereitungsflüge zu den Mondlandungen waren für mich wie eine Lehrzeit, bei denen ich mit Guido Capecchi und Ulrich Doerfel wichtige gestalterische Erfahrungen sammeln und die Ansprüche des Publikums erkunden konnte. Schliesslich gehörten zu unserem Team ab Apollo 10 der erfahrene Moderator Charles Raedersdorf und ab Apollo 12 der begeisterungsfähige Regisseur Walter Klapper. Sie verstanden es, mein geistiges Potenzial als «Himmelsmechaniker von der ETH» zu nutzen. Raedersdorf hatte ausserdem flugtechnische Kenntnisse - eine ideale Ergänzung zu meinen Einblicken in die USA und deren Weltraumprogramm. Hilfreich waren auch meine Hochschulkontakte und private Initiativen, wozu auch der frühe Einsatz von Computern gehörten.
Nur zwei Faktoren konnten die uneingeschränkte Begeisterung und den Erfolg dieser Sendungen bremsen.
- Zum einen war es das, was ich damals «Ignoranz der verblüfften Pessimisten» nannte - die Reaktion derer, welche zuvor die Möglichkeit einer Mondlandung bezweifelt hatten. Es war die «Internationale der Technophobie», welche vom Dampfmotor bis zur Kernkraft jeden Fortschritt begleitet hat. Für sie war die triumphale Mondlandung ein schwerer Schlag. Zum Glück kam damals noch niemand auf die Idee, die Echtheit der Mondlandungen in Zweifel zu ziehen. Allen schien logisch, dass die Sowjetunion jeden nachweisbaren Schwindel sofort ausgeschlachtet hätte. Heute ist dies leider vielen nicht mehr klar.
- Zum andern wurden Erfolgssendungen wie Apollo fortan verhindert, weil die Siegernation im Wettlauf zum Mond nicht den politischen Vorgaben entsprach. Eben noch waren russische Führungsqualitäten im All von Sputnik bis Gagarin selbst von Unkundigen gelobt worden, und nun waren die Amerikaner zuerst auf dem Mond! Dabei hatte Russland sein Mondprogramm mit den Zond- und Luna-Flügen noch während Apollo propagiert. Als das Rennen zum Mond verloren war, wurden plötzlich (in Russland militärische) Raumstationen zur Ultima ratio deklariert. Dieser Irrtum sollte die bemannte Raumfahrt fortan in die Stagnation führen. Der letzte Mann auf dem Mond, Eugene Cernan: «Vor 30 Jahren fragten uns alle, warum wir zum Mond fliegen. Heute fragt man uns, warum wir nicht mehr gehen.»
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Im Laufe der Jahre wurden mir viele Anekdoten von Zuschauern zugetragen, wie sie die Mondlandungsnacht erlebt hatten. Auch dramatische: Beispielsweise von Leuten mit Beinbruch, die den historischen Moment nicht verpassen wollten und mit ihrem Arzt zusammen noch vor dem Gipsen die Landung verfolgten. Oder amüsante, wie die Geschichte vom Junggesellen, der gleich zwei wildfremde US-Touristinnen zum langen Fernsehabend eingeladen hatte... Leider habe ich nie Notizen gemacht - es hätte ein dickes Buch ergeben! Später vernahm ich, dass noch viel mehr solche Geschichten an die Astronauten selber herangetragen wurden. Aldrin bemerkte einmal zu Armstrong: «Schau mal her, was wir da unten alles verpasst haben, während wir auf dem Mond waren!»
Anschliessend der unredigierte Originaltext:
Von der Wirkung des Mondes auf die Erdenwelt...
Als Goldene TV-Zeit bezeichnet man in den USA eine Aera, wo das Fernsehen noch neu ist, erstmals praktisch jedermann angeschlossen ist, erste Strassenfeger entstanden sind und noch nicht zu viele Kanäle das Publikum überfordern. In der Schweiz erfüllte die Zeit der Apollo-Mondflüge (Nr. 7 bis 17 von 1968-1972) exakt diese Definition, wobei hierbei auch noch das Jahrtausendereignis dazukam, den Lebensraum des Menschen auf einen weiteren Himmelskörper zu erweitern. Bei uns fiel diese Epoche zugleich mit der soeben erfolgten Einführung des Farbfernsehens und der höchsten Hochkonjunktur zusammen, welche die Menschen wohl jemals erlebt haben. Alle diese Faktoren führten dazu, dass die damals fernsehende Generation die Zeit der Mondlandungen allein schon emotional nie mehr vergessen wird. In diesem Sinne hinterliess das Fernsehereignis einen noch tieferen Eindruck als in den USA selber, wo die "Goldene TV-Aera" mindestens ein Jahrzehnt früher stattfand. Dort hatten ausserdem die Vorbereitungsflüge der Programme "Mercury" und "Gemini" früher als bei uns gezeigt, dass viele Zuschauer der Werbung nicht unbedingt nützen, wenn sie bei weltbewegenden TV-Ereignissen partout keine Unterbrechungen dulden.
Ideal im Falle der Schweiz war auch der Umstand, dass mit Fernsehdirektor Guido Frei und Abteilungsleiter Eduard Stäuble damals Leute entscheidend waren, welche die historische Bedeutung des Geschehens im All sehr wohl erfassten. Ein grosser Vorteil für mich war die Lehrzeit während mehreren Vorbereitungsflügen mit den Mondraumschiffen, bei denen ich mit Guido Capecchi und Ulrich Doerfel wichtige Erfahrungen sammeln und mit den Ansprüchen des Publikums Schritt halten konnte. Schliesslich standen dem Team ab Apollo 10 der erfahrene Moderator Charles Raedersdorf und ab Apollo 12 der unermüdlich begeisterungsfähige Regisseur Walter Klapper zur Verfügung, welche das geistige Potenzial eines "Himmelsmechanikers von der ETH" zu nutzen verstanden. Raedersdorf hatte bereits viel mehr TV-Erfahrung und ausserdem flugtechnische Kenntnisse - eine ideale Ergänzung zu meinen Einblicken in die USA und deren Weltraumprogramm sowie Hochschulkontakten und privaten Initiativen, wozu auch der frühe Einsatz von Computern gehörte.
Im Laufe der Jahre wurden wohl Hunderte von Anekdoten an mich herangetragen, wie unsere Zuschauer diese Nacht erlebt hatten. Da gab es alles von dramatischen Berichten, wie Leute mit gebrochenen Beinen noch vor dem Gipsen die Landung verfolgten, weil Arzt und Patient den historischen Moment nicht verpassen wollten, bis zu einem Junggesellen, der gleich zwei wildfremde US-Touristinnen zum Fernsehabend eingeladen hatte und gerade deshalb beide Ereignisse nie mehr vergessen wird. Leider habe ich nie Notizen gemacht - es hätte ein dickes und süffig lesbares Buch ergeben! Später vernahm ich, dass noch viel mehr Geschichten dieser Art an die Astronauten selber herangetragen wurden. Aldrin bemerkte einmal in einem solchen Moment zu Armstrong "Schau mal her, was wir da unten alles verpasst haben, während wir auf dem Mond waren!"
Es gab eigentlich nur zwei Faktoren, welche die uneingeschränkte Begeisterung und den Erfolg dieser Sendungen bremsen konnten. Zum einen war es das, was ich damals die "Ignoranz der verblüfften Pessimisten" nannte, also die Reaktion derer, welche zuvor die Unmöglichkeit der Mondlandung nie bezweifelt hatten. Es war die Internationale der Technophobie, welche vom Dampfmotor bis zur Kernkraft jeden Fortschritt begleitet hat. Für sie war der Triumph ein schwerer Schlag, der sie von einem Tag auf den anderen in die Gestrigkeit verwies. Zum Glück kam damals noch niemand auf die Idee, die Echtheit der Mondlandungen in Zweifel zu ziehen. Jedermann war noch logisch, dass die Sowjetunion jeden nachweisbaren Schwindel sofort ausgeschlachtet hätte. Dreissig Jahre später war dies leider den Schwächsten unter uns nicht mehr klar, und TV-Sendungen aus solchen Kreisen verunsicherten plötzlich auch scheinbar normale Bürger.
Der zweite Umstand, der Erfolgssendungen wie "Apollo" fortan verhinderte, hing damit zusammen, dass die Siegernation nicht den politischen Vorgaben entsprechend war. Eben noch waren Führungsqualitäten im All von Sputnik bis Gagarin selbst von Unkundigen gelobt worden, und nun das Gegenteil! Dabei hatte Russland sein Mondprogramm mit den Zond- und Luna-Flügen noch während Apollo propagandistisch ausgespielt und erst geleugnet, als die Niederlage beim Rennen zum Mond offensichtlich war. "Raumstationen" wurden zur ultima ratio deklariert, weil Russland darin einen militärischen Vorteil erkannte. Dieser Irrtum sollte die bemannte Raumfahrt beider Weltraumnationen während dem folgenden Dritteljahrhundert in die Stagnation führen. "Vor 30 Jahren fragten uns alle, warum wir zum Mond fliegen. Heute fragt man uns, warum wir nicht mehr gehen" fasste der letzte Mann auf dem Mond, Eugene Cernan, seine Erfahrungen zusammen.