Replik auf Robert Kuttners Kolumne |
Diese Kolumne aus dem Boston Globe und der International Herald Tribune von Sommer 2005 gibt einen recht guten Einblick in den Autor Robert Kuttner. Mindestens für Leser, die seit über 40 Jahren Erfahrung gesammelt haben, wie mit Segnungen der Computerwelt umzugehen ist, ohne dabei Schaden zu nehmen. Am Polytechnikum gehörten wir schliesslich zu den bevorzugten Gurus, die erstmals in der Menschheitsgeschichte mathematische Experimente von unvorstellbarer Potenz ausführen und dabei nicht wenige Studienkollegen beim Auszug aus dem Paradies beobachten konnten. Sie konnten eben der Versuchung des Spieltriebs nicht widerstehen, vernachlässigten das Studium und waren nie mehr für Prüfungen bereit. Damals wurde man bei solchem Treiben noch nicht Weltveränderer wie Bill Gates, aber immerhin vielleicht Leiter eines Rechenzentrums. Der Gründer von Microsoft muss sich der Gefahren von Disziplinlosigkeit allerdings sehr früh bewusst gewesen sein, denn er gehörte nun wirklich nicht zu denen, die Internet oder elektronische Post am Anfang gefördert hatten. Wie viele andere verfrühte Studienabgänger gehörte er trotzdem zu den Erfolgreichsten in der Branche. Disziplin heisst das Geheimnis. Ist Robert Kuttner wohl an seiner eigenen Disziplinlosigkeit gescheitert, dass er ausgerechnet an e-Mail keinen guten Faden lässt, der optimalsten Kombination von Brief und Telefon, welche bei richtigem Gebrauch die Vorteile beider Kommunikationswege vereinigt? Bill Gates hat das aus persönlicher Erfahrung schon selber betont! Beide früheren Extreme könnten das Ausmass des heutigen Informationsmetabolismus gar nicht mehr bewältigen heute, wie jeder zugeben muss, der alle früheren Kommunikationsmittel noch erlebt hat. Es gab schon früher Versuchungen verwandter Art, aus deren Betrachtung man die gleichen Erfahrungen aus unterschiedlichen Bewältigungs-Strategien ziehen konnte. Auch bei mir: Während einer Phase intensiver Publikumskontakte dank jahrelanger Fernsehtätigkeit erhielt ich täglich einige bis vielleicht im Maximum 20 beachtenswerte Briefzuschriften. Medienfremde Leute schätzten oft näher bei 1000. Bekannte Zahlen also, 3 bis 20? Jawohl: heute kennen wir sie von den täglich eintreffenden e-Mails. Schon vor Jahrzehnten gab es zwei Möglichkeiten, damit fertig zu werden, und beide wurden von den diversen Charakteren der Empfänger auch angewendet. Einige, meist in bequem unkündbarer Stellung, lenkten den Strom direkt in den Papierkorb. Andere, darunter ich, hielten in der Redaktion, zu Hause oder sogar unterwegs ergiebige Stapel von TV-Briefpapier bereit und beantworteten praktisch jedes Schreiben mit einem bis drei Sätzen in einer Minute handschriftlich mitsamt Adressierung. So bewahrte man sich oft in nur zehn Minuten täglich vor dem Ertrinken in eingehender Post, die nach spätestens einer Woche tatsächlich nicht mehr zu bewältigen gewesen wäre. Eine Investition in die Zukunft! So gab es von weiterführenden Engagements bis zu netten Reaktionen nach Jahrzehnten alles, was sich in der Zahl von Freunden im ganzen Land messen liess! Erwachsen gewordene Schulkinder oder Lehrerinnen freuten sich über den vom Medienmann persönlich in angepasst ähnlich ungelenk simulierter Spiegelschrift beantworteten Brief, der oft noch jahrelang verkehrt hinter der Scheibe gehangen war und an die kindergerecht beantwortete Frage erinnerte! Ich erinnere mich dagegen noch heute an Kollegen, die sich nie solche Mühe genommen hatten, dem PC dank Frühpensionierung oder leitend unproduktiver Stellung lebenslang ausweichen konnten und dann im Alter mangels Sekretärin und ohne e-Mail total vom sozialen Netz abgehängt blieben, vom Kontakt mit Arzt, Psychiater und Krankenkassenagent einmal abgesehen. Eigenartig: ich brauche noch heute nicht eine einzige beantwortenswerte Zuschrift zu löschen! Trotz einem Dutzend verfasster Bücher, viele davon noch auf bis ins Detail selber programmierten Texteditoren geschrieben, einer halben Million Zeilen Programmcode aller Art, zwei schliesslich selber verlegten Lexika mit Hunderten astronomischer Trickfilme, einer vierstelligen Zahl von öffentlichen Vorträgen und Zeitungsartikeln in vier Jahrzehnten und über 50'000 e-mails in den letzten 15 Jahren! Auf die Gefahr hin, Genosse Mitmensch bekäme den Eindruck, ich hätte nichts anderes zu tun, antworte ich so schnell und so abschliessend wie möglich auf die nun mal hereinpiepsenden Mails, noch bevor ich vergessen habe, was es im frischen Eindruck der Lektüre dieser Anfrage zu sagen gibt. Immer aufgeräumt und parat, auch einmal 24 Stunden volle Konzentration auf eine schwierigere Aufgabe ansetzen zu können, finde ich sogar Zeit für diese Kolumne. So viele Mail gibt es im Epizentrum der Pisastudie und der Leistungsverweigerung nun auch wieder nicht! Vor allem automatisch generierte, wie „Juhui – bin bis Ende nächsten Monat in den Ferien, Mails werden weder weitergeleitet noch beantwortet“, sind schnell erledigt. Solche Leute antworten auch später nicht. Solche Gewohnheit, Arbeit auf Null zu reduzieren, hat aber ihren Preis. Verständnis haben sollte man allerdings für junge Leute, die in diese raschlebige Zeit hineingeboren worden sind, ohne jahrzehntelang zu lernen, Spreu vom Weizen zu scheiden, Disziplin zu üben und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, dort, wo man seine Talente ortet. Im Zweifelsfall verliere man lieber einige Minuten als ein paar Freunde. Frage zum Schluss: warum die Breitseiten gegen e-Mail und nicht das Mobiltelefon? Auf jenes hätten alle Argumente Kuttners zugetroffen, auf e-Mails überhaupt nicht. |